Seit Glas in großem Umfang industriell hergestellt und damit
erschwinglich wurde, kam die sogenannte “Treyberei auf Gläsern”
stark in Mode. Sie bietet die Möglichkeit auch im tiefsten Winter
Duft- und Blütenpracht zu genießen und ihm somit ein kleines
Schnippchen zu schlagen. Weil auch das Wachsen der Wurzeln sichtbar
ist und die notwendigen Papphütchen zur Abdeckung selbst gebastelt
werden können, haben auch Kinder Freude daran.
Blumenzwiebelgläser zeichnen sich durch einen tiefen Schwerpunkt aus:
der größte Durchmesser befindet sich
in Bodennähe, dies gibt dem Glas Standfestigkeit. Der Hals ist
eingeschnürt und geht in die ausladende Mündung über, welche die
Zwiebel aufnimmt. Gesamtgröße der Gläser und ihr Mündungsdurchmesser
variieren je nach Zwiebelart und -größe: von etwa 3 cm für Krokus bis
zu 12 cm für Amaryllis. Normale Hyazinthengläser haben Mündungsdurchmesser
von etwa 6-7 cm, bei Höhen von 11-20 cm. Die Gläser gibt es mit
verschiedenen Verzierungen (Rillen, Strukturen, Schliffe, Bemalungen,
etc.) und in allen erdenklichen Farben. Vor allem die ganz alten
mundgeblasenen Stücke zählen heute zu den begehrten und kostbaren
Sammelobjekten. Besonders selten sind auch die schlanken Krokusgläser
mit Metallfuß, die eher an einen Kerzenständer denken lassen.
Ein besonderer Reiz liegt natürlich darin, Blüten- und Glasfarbe
geschmackvoll auf einander abzustimmen.
Man sollte die Zwiebeln unbedingt im Fachhandel erwerben, weil sie
präpariert sein sollten. Gute Treibzwiebeln wurden mehrere Wochen lang
im Kühlhaus gelagert, sind außen fest und prall und frei von Schimmel
und Nebenzwiebelchen (Brut). Zweckmäßig sind einfachere Sorten, da sie
nicht so schwere, zum Kippen neigende, Blütendolden bilden. Es sind
alle Farbtöne erhältlich, wobei wir die Erfahrung gemacht haben, dass
weiße und gelbe Sorten etwas schwieriger zu ziehen sind. Die spätere
Blütenfarbe lässt sich im übrigen bereits in der Färbung der
Zwiebelschalen erahnen.
Am besten verwendet man gefiltertes oder zumindest etwas abgestandenes
Wasser, weil zuviel Kalk oder Chlor im Leitungswasser die Wurzelbildung
verzögern kann. Um ein Faulen des Wassers zu verhindern, gibt man ein
Stückchen Aktivkohle in jedes Glas, ein Stück Grillholzkohle erfüllt
den gleichen Zweck.
Die Papierhütchen haben einen Durchmesser von ca. 6,5 cm und sind an
die 14 cm hoch. Wenn man sie nicht käuflich erwerben kann, lassen sie
sich ganz einfach aus Bastelpapier, Packpapier etc. selbst herstellen:
Man schlägt mit dem Zirkel einen Kreis von 14 cm Radius und teilt ihn
in Viertelkreise, die ausgeschnitten und zusammengeklebt werden.
aus einem Warenkatalog von 1911
Die Gläser werden mit dem Wasser so befüllt, dass zwischen
Wasseroberfläche und Zwiebelboden ein Freiraum von etwa 0,5 bis 1 cm
bleibt. Die Zwiebel darf das Wasser nicht berühren, da sie sonst faulen
würde. Die Gläser kommen anschließend für mehrere Wochen an einen
kühlen (etwa 10°C) und dunklen Ort. Ein Schrank im Keller eignet sich
hierfür sehr gut. Von Zeit zu Zeit empfiehlt es sich, den Wasserstand
zu prüfen und eventuell nachzugießen, bzw. muffiges Wasser komplett
auszutauschen. Erst wenn sich die Wurzeln kräftig ausgebildet haben,
holt man die Gläser in die warme Wohnung und stellt sie am besten an
ein Ost - oder Westfenster. Die zarten Wurzeln vertragen nämlich keine
zu grelle Sonneneinstrahlung. Stark eingefärbte Gläser, die das
Sonnenlicht dämpfen, kann man auch an ein Südfenster stellen.
Unabhängig davon, wo die Gläser stehen, ist es notwendig, den Zwiebeln
nun das Papierhütchen aufzusetzen.
Es fördert nämlich die Entwicklung
der Blüte und wird erst dann abgenommen, wenn die Pflanze das
Hütchen selbst deutlich gehoben hat. Das Wasser wird weiterhin
regelmäßig kontrolliert und nachgefüllt, wobei der Abstand zum
Zwiebelboden nun auch mehrere Zentimeter betragen kann.
Die Blüten entwickeln sich bisweilen so prächtig, dass sie zum Umkippen
oder Abknicken neigen. Da die alten Blütenhalter im Handel jedoch nicht
mehr zu erwerben sind, kann man sich entweder mit Drahthilfskonstruktionen
behelfen oder sie einfach gegen die Fensterscheibe lehnen.
„Sitzengebliebene“ Hyazinthen, d.h. Zwiebeln, deren Wurzel- oder Blattwachstum
stagniert, kann man noch retten, wenn man die ganzen Wurzeln bis auf 3 cm
vom Zwiebelboden mit einem scharfen Messer glatt abschneidet. Dies regt
sie zu neuem Wachstum an. Wir haben solche jedoch auch schon im Januar
auf dem Kompost entsorgt und wurden dann dort im April mit einer
Blüte überrascht.
Die meisten Ausfälle bei Zwiebeln hat man durch Schimmel oder
Fäulnis in der Anfangsphase der Bewurzelung auf dem Glas. Für eine
schnellere und zuverlässigere Bewurzelung der Zwiebeln haben wir von
einem Bekannten folgenden Tipp erhalten:
Man besorgt sich ein Kunststoffabwasserrohr von 4 cm Durchmessern und
sägt davon 2,5 cm breite Ringe ab. In diese werden auf einer Seite 2
gegenüberliegende v-förmige Kerben eingesägt. Die Ringe werden mit
Anzuchterde gefüllt, die Zwiebel wird aufgesetzt und mittels Gummis in
den Kerben auf der Unterseite fixiert. Das Ganze stellt man dann unter
den gleichen klimatischen Bedingungen wie oben erwähnt in eine flache
Schale und hält die Erde gleichmäßig feucht. Sobald sich die Wurzeln
dann auf der Unterseite des Ringes zeigen, werden die Ringe entfernt
und die Erde unter fließendem Wasser ganz vorsichtig abgespült.
Anschließend setzt man die Zwiebeln aufs Glas und geht wie oben
beschrieben weiter vor.
Die Ringe dienen dazu, das Wurzelwachstum auf den Halsdurchmesser des
späteren Glases zu beschränken.
Wir schneiden die Blüte ab und lassen die Zwiebel so lange auf dem Glas,
bis das Laub welk und dürr ist. Dann pflanzen wir sie ganz normal im
Garten aus. Die gleiche Zwiebel im Folgejahr wieder auf Glas zu ziehen
funktioniert nicht, da die Blüte die Pflanze doch ziemlich stark
erschöpft hat. Aber im übernächsten Frühjahr kann man wieder mit einer
schönen Blüte im Garten rechnen.
Auch wenn es mittlerweile immer Blühpflanzen zu kaufen gibt, ist es
doch eine schöne Sache an dieser winterlichen Tradition der
„Blumentreiberey“ auf Gläsern festzuhalten. Man erfreut sich an jedem
Zentimeter Wachstum von Wurzeln und Blättern und genießt die Üppigkeit
von Blüte und Duft, wenn man das Zimmer betritt. Da konkurrieren zartes
Gelb, pudriges Weiß und scheues Apricot mit knalligem Rot, klarem Blau
und schwerem Violett und betören mit allen erdenklichen Tönen der blumigen
Duftorgel: von zitroniger Leichtigkeit zu orientalischer Opulenz.
Freuen Sie sich darauf !
aus: “Christ´s Gartenbuch für Bürger und Landmann, 1898.
“Verschafft man sich im Spätjahr ein Dutzend Hyazinthen, 6 Stück
Tazetten, 3 Stück Jonquillen, 3 einfache und 3 gefüllte Duc van Thol,
1 Dutzend verschiedene Crocus, - so wird man sich gewiß vom Januar an
bis gegen den März hin eines ganz angenehmen Zimmerflors zu erfreuen
haben...”
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